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Wie ich als Hundetrainerin selbst gescheitert bin …

Ja ich bin Hundetrainer. Ja ich bin Hundehaltertrainerin. Ja ich sollte es wissen. Doch können Therapeuten sich selbst therapieren? Nein. Sie brauchen Hilfe. Und diese Hilfe brauchte ich auch. Denn ich konnte nicht meine eigene Trainerin sein.

Doch lasst mich von vorne anfangen…

Wir haben Ende März 2020. Lockdown. Mein Mann ist zuhause im Homeoffice und soll es lange bleiben. Mein Wunsch nach einem zweiten Hund ist nun stark gewachsen. Jetzt ist die Zeit. Ich weiß es.

Ein zweiter Welpenpudel soll es sein. Das ist mein Wunsch. Mein Mann und ich führen viele Gespräche. Er möchte einen Hund aus dem Tierschutz. Ich soll doch mal schauen. Das ist kein Problem, da ich ja regelmäßig im Tierheim unterstütze. Er meint, er möchte einen „richtigen“ Hund. Einen Großen.

Ich schaue. Ich sehe Oskar und Freddy: zwei Brüder, sehr hübsch, aber Jagdhunde. Einer dunkelbraun, der andere rötlichbraun. Ich frage Corina, die Tierheim-Chefin, nach den Beiden. Sie gibt mir einen Brief der Vorbesitzerin und erzählt mir ein bisschen was…

Puh… das brauche ich nun wirklich nicht.

Die haben Baustellen, viele Baustellen. Ganz ehrlich, ich muss niemandem etwas beweisen. Und ich möchte mir keine zusätzlichen Probleme ins Haus holen. Ja, so ehrlich bin ich. Ich verwerfe den Gedanken und schaue mir die beiden nur aus der Ferne an.

Es vergehen Tage. Immer wieder sehe ich Oskar. Mal im Internet, mal aus der Ferne im Tierheim. Und wieder frage ich nach ihm. Ob aktuell jemand mit ihm Gassi geht. Natürlich ist die Antwort nein und ich frage, ob ich ihn mir einfach mal ansehen soll.

An dem Tag habe ich Scipio, mein Pudelchen dabei. Scipio mag Hunde auf den ersten Blick eher selten. Dennoch hilft er mir immer ganz gut bei der Einschätzung. Und so gehen wir zu dritt spazieren. Kaum auf der Wiese angekommen… spielen die zwei.

„Scipio! Was ist los mit dir?! Was willst du mir sagen?“

Ich bin verwirrt. Was geschieht hier. Ich mag kleine Hunde. Hunde die nicht haaren. Und ich wollte niemals einen Jagdhund. Wobei Scipio – so ganz nebenbei – seine Rassebeschreibung auch nicht wirklich gelesen hat, wenn es um Rehe geht. Soll Oskar unser Zweithund werden? Das macht keinen Sinn. Ich fahre irritiert nach Hause.

In der Beschreibung von Oskar und Freddy steht, dass sie nicht jagen. Komisch. Aber das ist super. Allerdings steht da auch, dass sie auf keinen Fall in einen Haushalt mit Männern kommen sollen. Warum auch immer. Ich berichte meinem Mann von Oskar.

Er ist nicht abgeneigt und fährt ein paar Tage später mit mir zu ihm. Zur Einschätzung, bat ich noch meine Freundin Jana hinzu. Nun stehen wir da. Im Tierheim Gelnhausen. Mein Mann, Jana, Scipio und Oskar.

Alle sind Feuer und Flamme.

Ich nicht. Ich bin unsicher. Da ist so ein Gefühl. Das gefällt mir nicht. Aber Corina überlistet mich. Sie sagt, dass ich ihn auch zur Pflege nehmen kann. Ich soll es doch einfach mal probieren, es sei ein toller Hund.

Wieder ein paar Tage später. Es ist Abend und Oskar sitzt in unserem Wohnzimmer. Er riecht unangenehm. Ich bade ihn. Ja! Direkt am ersten Tag, eine Stunde nach seiner Ankunft. Er lässt alles mit sich machen.

Eine Woche vergeht. Es kommt ein Anruf vom Tierheim. Es gibt einen Interessenten, was sie nun sagen sollen. Mein Mann ruft: „Der Hund bleibt!“

Ich freute mich über einen Zweithund, doch war mir extrem Unsicher über diese Wahl.

Doch auch ich entschied mich für den Hund, da er was mit meinem Mann machte. Es war gut. Was die Zwei anging, fühlte es sich richtig und gut an. Ich wollte daran glauben. So ergab es für mich zumindest einen Sinn. Es ist der Hund meines Mannes.

Wir machen es offiziell und…

Die Probleme fangen an.

Gefühlt verlor er plötzlich 10-mal mehr Haare, hatte starke Angst im Auto, sabberte, übergab sich, wurde panisch, wenn er alleine drin war. Konnte nicht alleine zuhause bleiben. Er roch wohl aufgrund einer zu frühen Kastration sehr gut für alle Rüden und wurde ständig bestiegen und wehrte sich nicht.

Er spielte nicht mit Scipio. Er konnte sich im Beisein meines Mannes nicht lösen, nicht trinken nicht essen, sich nicht bewegen. Er war permanent gestresst.

An der Leine lief er astrein mit meinem Mann, gehorchte aufs Wort; doch sobald ich die Leine in der Hand hatte und alleine mit ihm war, zog er, hörte nicht, behandelte mich in meinen Augen respektlos. Hallo, erster großer Triggerpunkt! Einem Mann folgst und gehorchst du, mich nimmst du nicht erst, weil ich eine Frau bin?

Na super. Ich war empört. Selbst wenn fremde Männer dabei waren, hörte er besser. Doch wenn wir alleine waren, hatte ich das Gefühl einen respektlosen Arsch bei mir zu haben. Was hatten wir getan?

Immer wenn ich dachte, ich hätte diesen Kampf ausgekämpft, belehrte mich Oskar eines Besseren. Es trieb mich in den Wahnsinn. Mein Kopf hat das nicht verstanden. Ich vermenschlichte ihn bis aufs Äußerste. Warf ihm Vorsatz vor. Und Gott verdammt er jagt!

Und das nicht wenig. Vögel, Katzen, Rehe. Deswegen wurde er wahrscheinlich vom Jäger in Rumänien abgegeben, weil er unkontrolliert seinem Impuls nachgeht.

Es war die falsche Entscheidung.

Er traf noch mehr Triggerpunkte und ich fiel weinend in die Arme meines Mannes und meinte:

Ich bin noch nicht so weit. Ich schaffe das nicht!

Der Hund muss weg… aber wie?

Ich wollte ihn zurückgeben.

Fast täglich. Ich fühlte mich komplett eingegrenzt von ihm. Ich konnte nicht mehr frei sein. Mit Scipio ist alles so einfach. Ich redete mit meinen Hundetrainer-Mädels. Jeder sagte was Anderes. Sollte er nun wirklich wieder zurück ins Tierheim?

Er hatte schon so viele Stationen. Ich hatte Mitleid. Doch ist Mitleid die richtige Basis? Doch soll ich mir ernsthaft die Blöße im Tierheim geben? Doch mein hässlichster Gedanke war: Dieser Hund ist kein Mehrwert!

Wow, ist das gemein. Ich war gemein. Ich war unfair. Und Oskar himmelte mich an. Er wollte zunehmend Liebe von mir. Ich konnte sie ihm nicht geben. Vor allem, wenn sie von mir verlangt wird. Ich wollte einen Welpen. Doch keinen der 3 Jahre alt ist!

(Hab ich berichtet, dass er bis heute Gegenstände kaputt beißt. Vorzugsweise Holz. Unsere Couch besteht auch aus Holz…)

Ich telefonierte viel mit meiner Freundin Jana. Sehr oft. Oft auch weinend. Jana ist auch Hundetrainerin. Eine verdammt gute. Sie hörte mir nicht nur zu und gab mir ein gutes Gefühl, sie kam auch zu uns und gab mir einfache Hausaufgaben, wie ich erstmal die Leinenführigkeit übe. Fragt nicht!

In einem emotionalen Chaos ist selbst das nicht drin.

Nach der Stunde war das Thema gegessen. Ein Problem gelöst. Doch natürlich war ich auch genervt, dass mein Mann und Scipio diesen Hund wollten und die ganze Arbeit an mir hängen bleibt, da der gute sich ja wie schon erwähnt, im Beisein meines Mannes nicht lösen konnte.

Was er allerdings gut konnte, war in die Wohnung zu kacken. Und das verdammt oft. Durch den ganzen Stress hatte er viel und oft Durchfall. Nein, es trug nicht zu meiner Laune bei. Nach einem Gespräch mit einer Heilpraktikerin war ich mir sicher…

Der Hund kommt weg. Ich fuhr nach Hause. Wollte es meinem Mann berichten, doch irgendwie hatte er schon was geahnt, saß mit verschränkten Armen am Esstisch und meinte nur: „Der Hund bleibt und zwar für immer. Keine Diskussion. Der Hund hat es verdient“.

Wir aßen. Der Hund blieb.

Diese Entscheidung, die mir mein Mann abgenommen hatte, hat mich verändert. Nun war die Frage nicht, wie und wohin bekomme ich den Hund weg, sondern, wie bekomme ich meine „Freiheit“ mit Oskar hin.

Ich trainierte, nahm ihn mit auf den Hundeplatz, mit auf ein Seminar, tat alles so wie ich es mit Scipio machte. Und ich fokussierte mich auf das Positive.

Ein Jahr später…

Letzte Woche zerbiss Oskar mir meinen allerliebsten Lieblingskuli, den man nicht wieder kaufen kann, da auch ein emotionaler Wert dran hängt. Ich versuchte zu schimpfen, dann schaute ich meinen Mann an und sagte, „verdammt! Ich kann ihm nicht mehr ernsthaft böse sein. Ich mag ihn.“

Und ja, ich mag ihn, so wie er ist.

Und er ist nun endlich ein Mehrwert. Ich liebe seine Gesichter. Wenn er rennt, lacht er wie kein anderer. Er sieht so glücklich aus. Er macht gute Laune. Er kann auch ganz quirlig sein, vor allem wenn wir klickern.

Er macht gerne mit, er ist gerne dabei. Er strahlt eine unglaubliche Ruhe aus und ist oft tiefenentspannt. Er liegt gerne komplett auf einem 😀

(Ok, das ist oft etwas schwer, aber irgendwie auch süß.)

Er kann Auto fahren und alleine zuhause bleiben. Der Rückruf klappt super. Er frisst im Beisein meines Mannes, geht mittlerweile halbwegs locker mit ihm spazieren und im Kraulen sind die zwei ganz groß!

Er fängt sogar an, sich bei aufdringlichen Hunden zu wehren – danke Scipio 😉

Und er spiegelt sehr schnell und genau Stimmungen. Gut, das ist nicht so ganz einfach, doch hilft es in der persönlichen Weiterentwicklung 😉 Wir sind eine Familie.

Danke, dass ich so viel lernen durfte und noch darf.

Danke danke danke!

An meinen Mann, der all meine Tränen getrocknet hat und an mich geglaubt hat.
An Scipio, der mir gezeigt hat, Oskar so zu lieben, wie er nunmal ist.
Danke an Jana für all unsere Gespräche, die mir so sehr geholfen haben.
Danke an Anja und Petra, die sich auch so einige Sprachnachrichten anhören durften.
Danke Anna, du hast nicht zuletzt, energetisch glaube ich, auch einige Missverständnisse gerade gerückt.

Und danke Oskar, dass du da bist und es ausgehalten hast, mit mir durch einige meiner Triggerpunkte zu gehen und mir geholfen hast zu wachsen.

Der Hund bleibt. Für immer.

In Liebe

Sandra

Licht und Schatten

Lasst uns wachsen. Mit unserem Wachstumsschmerz.

Lasst uns leuchten. Mit unseren Schwächen.

Lasst uns mutig sein. Auch wenn es Überwindung kostet.

Lasst uns Hinschauen. Auch wenn es manchmal schmerzt.

Lasst uns ehrlich zu uns sein. Wenn wir auf Widerstand stoßen.

Lasst uns lernen. Wenn es anstrengend wird.

Lasst uns annehmen. So wie wir sind.

Lasst uns gut sein. So wie wir sind.

Denn wir sind genug. So wie wir sind.

Sandra Vergien